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Rheinischer Merkur, 21.10.2004
Steigende Temperaturen
Auf dem chinesischen Automarkt mehren sich die Hinweise auf eine Überhitzung
Auto- und Teilehersteller aus aller Welt
drangen ins Reich der Mitte. Die Folge sind wachsende Überkapazitäten
und sinkende Preise. Die Zeichen stehen auf Sturm.
Franz W. Rother
Automobilwoche, 2.8.2004
Peking. Die vergangenen vier Jahre waren ein einziges Fest mit
immer neuen Höhepunkten. 1996 war Patrick Chou, der in Braunschweig
aufwuchs und in Fellbach bei Stuttgart seine Ausbildung zum Kaufmann
absolvierte, ins Land seiner Vater zurückgekehrt und hatte
in Peking mit deutschen Autos zu handeln begonnen, erst in kleinem,
dann in immer größerem Stil. Die Nachfrage stieg rasant.
Wachstumsraten von 40 bis 50 Prozent jährlich waren keine
Seltenheit“, erzählt Chou. Sein Familienunternehmen
sicherte sich erst einen VW-Händlervertrag, dann einen Audi-Vertrag
und schließlich noch einen für die Sportwagenmarke Porsche.
Allein vier Millionen Euro investierte Chou im vergangenen Jahr
in einen hochmodernen Audi-Hangar“ am Stadtrand von Peking,
der mit 45 Metern Straßenfront und 5.800 Quadratmetern Ausstellungsfläche
eines der größten Autohäuser nach westlichem Standard
in Asien ist. Die Geschäfte des Audi-Centers Better Life“ gehen
weiter glänzend. Doch das Geschäft“, so Chou, ist
in den letzten Monaten sehr kompliziert und weniger rentabel geworden.“
Kampf um Marktanteile
Die Gründe dafür kann Chou an zwei Fingern abzählen:
Auf Geheiß der chinesischen Regierung vergeben die Banken
Anschaffungs- und Investitionskredite deutlich zurückhaltender
als noch 2003. Gleichzeitig hat der Wettbewerb an Schärfe
gewonnen. Allein in Peking konkurrieren inzwischen über 300
Autohäuser miteinander. Von den Herstellern ganz zu schweigen:
Weil seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation Ende
2001 immer mehr Autobauer ins Eldorado des Ostens drängen
und gleichzeitig die heimischen Hersteller - mit Unterstützung
westlicher Entwicklungsdienstleister - ihre Produktpaletten kräftig
ausbauen, herrscht derzeit ein heftiger Verdrängungswettbewerb.
Hauptleidtragender ist die Nummer eins in China, der VW-Konzern,
der bereits seit 1985 im Reich der Mitte präsent ist und in
zwei Jointventures Autos produziert. Der Marktanteil der Deutschen,
der 1998 noch bei über 50 Prozent lag, ist auf 24,3 Prozent
gesunken. Ende Juni lag er nach Erhebungen des britischen Marktforschungsinstituts
AID sogar nur noch bei 17,7 Prozent. Im Gegenzug legten General
Motors (plus 93,1 Prozent seit Jahresbeginn) und Hyundai (plus
109,3 Prozent), aber auch Ford (plus 566,7 Prozent) und heimische
Anbieter wie Dongfeng Liuzhou Motors (plus 126,2 Prozent) mächtig
zu.
Und der Wettbewerb dürfte in den kommenden Monaten weiter
an Heftigkeit zunehmen, ahnt Roman Zeller, der Deutschland-Chef
der internationalen Unternehmensberatung Alix: Schon heute werden
in China rund zwei Millionen Autos mehr produziert als nachgefragt.“ Beim
Blick auf die jährlichen Zuwachsraten und eine Gesamtbevölkerung
von über 1,3 Milliarden Menschen, kritisiert er, seien einige
Automanager wohl dem Goldrausch verfallen und hätten darüber
ein wenig den Blick für die Realitäten verloren: Schließlich
verfügten derzeit nur etwa 60 Millionen Menschen in China über
ein Monatseinkommen von mehr als 5.000 Euro, das ihnen kurzfristig
die Anschaffung eines Privatwagens erlaube. Dennoch wird vonseiten
der Autoindustrie weiter kräftig in China investiert. Praktisch
alle Hersteller bereiten eine Fahrzeugproduktion in China vor oder
planen den Ausbau von bereits bestehenden Fertigungskapazitäten:
Spätestens 2008 werden demnach in China rund 5,5 Millionen
Autos jährlich produziert werden. Eine Studie von McKinsey
schätzt, dass China schon 2007 der drittgrößte
Automarkt weltweit ist - hinter den USA und Japan.
Baldiges Ende des Booms?
Doch wie lange halt der Boom noch an? Immer mehr Experten warnen
inzwischen vor einer Überhitzung des Marktes - und einem baldigen
Platzen der Blase. Angesichts zunehmender Inflation, zahlreicher
fauler Kredite und einer möglichen Aufwertung der Landeswährung
Yuan werde es schon bald Firmenzusammenbruche geben - auch in der
Autoindustrie, glaubt Stephen R. D’Arcy, der Chef von PwC
Global Automotive Services.
Die Automanager haben die Gefahr erkannt, bleiben aber vorerst
mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Das Wachstum wird sich sicher
etwas verlangsamen“, glaubt Audi- Chef Martin Winterkorn.
Bei der Aufbruchstimmung, die in diesem Land herrscht“, sieht
er noch kein Ende der Rekordfahrt. Sein China-Beauftragter und
Einkaufsvorstand Erich Schmitt erwartet das Ende des Booms frühestens
2008: Bis zu den Olympischen Spielen in Peking sehe ich keine Gefahr.“ Immerhin:
Damit die chinesischen Kooperationspartner nicht übermütig
werden, hat Audi in den vergangenen Monaten Manager von First Automobile
Works (FAW) zu Besuchen in Brasilien und Argentinien eingeladen
- um ihnen zu zeigen“, so Schmitt, was bei einer Wirtschaftskrise
passieren kann“. In Südamerika wurden in den 90er Jahren
mit Milliardenaufwand zahlreiche neue Autofabriken hochgezogen
- und beim Ausbruch der Wirtschaftskrise wieder geschlossen. Audi-Vorstand
Schmitt hat daraus die Lehre gezogen: Wir müssen permanent
unsere Kosten optimieren.“
Und der Spardruck ist in den vergangenen Monaten mächtig gewachsen:
Heftige Preiskämpfe bedrohen die noch üppigen Gewinnmargen,
die bei den Fahrzeugherstellern bei durchschnittlich zehn Prozent,
bei den Autozulieferern bei 12,5 Prozent liegen. Zum Vergleich:
Die Gewinnspanne der Autohersteller im US-Geschäft liegt nach
Alix-Erhebungen aktuell bei zwei, die der Zulieferer sogar nur
bei 0,5 Prozent.
Noch liegen die Autopreise zwar um zehn bis 15 Prozent über
dem internationalen Niveau - ein VW Polo etwa kostet umgerechnet
16.800 Euro, ein Dreier- BMW 42.000 Euro. Doch schon im kommenden
Jahr könnten sie unter deutsches Niveau fallen. Seit dem Jahr
2002 registrieren wir einen Ruckgang der Preise um jährlich
sieben bis neun Prozent“, so Vinzenz Schwegmann, der Automobilexperte
von Alix Partners. Bei einigen Modellen wie dem Honda Accord und
dem Buick Sail hätten die Preise seit dem Jahreswechsel sogar
um über zehn Prozent nachgegeben.
Konsolidierung beginnt
Da gleichzeitig die Lohnkosten etwa in Schanghai um zehn Prozent
gestiegen sind und auch die Material- und Energiekosten angezogen
haben, geraten die Erträge unter Druck. Das führt zu
einem Wettlauf bei der Kostensenkung, bei dem zahlreiche Hersteller
auf der Strecke bleiben werden“, prognostiziert Alix-Chef
Zeller. Von den derzeit 176 Auto- und Teileherstellern in China
dürften bis zum Ende des Jahrzehnts wohl nur zehn bis 15 Player übrig
bleiben. Eine Einschätzung, die er mit dem McKinsey- Berater
Paul Gao teilt: Die meisten einheimischen Hersteller werden verschwinden
und deren Lizenzen von ausländischen Unternehmen gekauft.“ Fast
die Hälfte schreibe rote Zahlen.
Anderen, wie SAIC, Dongfeng oder FAW, geht es dafür umso besser.
Experten rechnen damit, dass die chinesischen Großen Drei“ schon
bald ins internationale Geschäft einsteigen. VW-Partner SAIC
will dazu 48,9 Prozent der Anteile am koreanischen Hersteller SsangYong übernehmen.
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