Volkswagen leidet international
Wettbewerb auf Chinas Automarkt wird härter - Hersteller erhöhen die Kapazitäten - Hohe Margen gefährdet

Von Marco Dalan Düsseldorf - Bernd Pischetsrieder ist kaum zu beneiden. Schlechte Zahlen, schwache Konjunktur, nur allmählich steigende Verkäufe des VW Golf. Zu allem Überfluss werden auch in China die Zeiten schwieriger. In diesem Jahr wollen die Wolfsburger im Reich der Mitte zwar mehr Autos absetzen, beim Ergebnisbeitrag werde China aber "unter dem Vorjahresniveau abschneiden", räumte jetzt Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch vor Analysten in London ein.

In Bedrängnis gerät Volkswagen vor allem durch den weltweit größten Autokonzern der Welt, General Motors (GM). Unlängst kündigten die Amerikaner Investitionen in Höhe von drei Mrd. US-Dollar an. GM will seine Produktionskapazitäten bis 2007 auf jährlich 1,3 Mio. Fahrzeuge ausbauen und 20 neue Modelle in der Volksrepublik auf den Markt bringen. In einem ähnlichen Zeitraum will Europas Nummer eins seine Produktionskapazitäten auf 1,6 Mio. Einheiten ausbauen. Doch nicht nur VW und GM wollen vom Autoboom in China profitieren. Ford, Peugeot, Toyota, Nissan oder Hyundai wollen ebenfalls ihre Kapazitäten vervielfachen. Niedrigere Kapazitäten peilen die Premiumhersteller BMW mit 30 000 Fahrzeugen und Mercedes-Benz mit 25 000 Einheiten an. Der Vorteil der Oberklasse-Produzenten ist, dass sie auch als Importeure gute Absatzmöglichkeiten haben.

GM spielt zwar den Konkurrenzkampf mit dem Wolfsburger Wettbewerber herunter. Gleichzeitig betont GM jedoch die Wichtigkeit der Region indem der Autoriese aus Detroit erklärt, dass das Geschäft in China entscheidend für den weltweiten Erfolg von GM sei. Um diesen Erfolg zu erzielen, ist auch ein Preiskampf recht.

So senkten GM ebenso wie auch die französische PSA-Gruppe (Peugeot/Citroën) und der Toyota-Partner Xiali ihre Listenpreise um teilweise mehr als zehn Prozent. Mit der Strategie waren die Amerikaner bislang scheinbar erfolgreich. Zwischen Januar und April stieg der Marktanteil von GM gegenüber Ende 2003 von 7,4 auf 11,3 Prozent. Im Gegenzug sank der Marktanteil von Volkswagen im gleichen Zeitraum von 32,5 auf 26,4 Prozent. Der Volkswagen-Konzern hat im vergangenen Jahr 697 000 Autos verkauft. Das entspricht einer Steigerung gegenüber 2002 von rund 36 Prozent. In diesem Jahr wollen die Wolfsburger 700 000 bis 800 000 Autos in China verkaufen.

Angesichts dieser Entwicklung musste VW-Chef Pischetsrieder von seiner bisherigen Grundlinie abweichen, lieber auf Marktanteile als auf Profite zu verzichten. Mitte Juni senkte auch Volkswagen die Preise für seine in China gebauten Fahrzeuge um elf Prozent.

Was VW derzeit erlebt, steht auch allen anderen Herstellern bevor. Die Vorboten eines langsameren Wachstums im Boommarkt zeigen sich bereits. Erstmals seit mehr als drei Jahren wurden im April und Mai weniger Autos als im Vormonat abgesetzt. Im vergangenen Jahr stieg der Absatz in China gegenüber dem Vorjahr um 75 Prozent auf zwei Mio. Fahrzeuge. Experten rechnen mit einer Verdreifachung der Verkäufe noch in diesem Jahrzehnt. Damit wäre China nach den USA der weltweit zweitgrößte Einzelmarkt.

So erwarten die Autoexperten des Restrukturierungsspezialisten AlixPartners nach zehnjährigem Boom "ein baldiges Ende des Goldrausches" in China. Angesichts zunehmender Inflation und zahlreicher fauler Kredite befürchten sie eine "harte Landung" Chinas Wirtschaft. Zunehmende Überkapazitäten und Preiskämpfe bedrohten die üppigen Gewinnmargen von neun bis zehn Prozent.

In diesem und dem nächsten Jahr dürften die Preise für Neuwagen nach Einschätzung von Alix Partners weiter um sechs bis zehn Prozent jährlich sinken. Durch den zunehmenden Preisverfall drohten einigen Herstellern bereits ab 2006 Verluste, denn gleichzeitig stiegen die Lohnkosten um etwa zehn Prozent jährlich und die Stahlpreise blieben hoch. Hinzu kämen die Preise der Automobilzulieferer, die in Folge der Verpflichtung, lokale Anbieter mit in die Produktion einzubinden, um etwa einem Drittel über dem internationalen Niveau liegen. "Das führt zu einem Wettlauf bei der Kostensenkung." Und dieser wird nicht von Herstellen gewonnen. Die Experten bei Alix Partners schätzen, dass von heute 106 Automobilherstellern in China am Ende des Jahrzehnts nur noch zehn bis 15 Unternehmen übrig blieben.

VW will diese Herausforderungen annehmen. Zum einen wollen die Wolfsburger mit neuen Modellen, die eigens für den chinesischen Markt entwickelt werde, die Rückgänge stoppen. "Es geht darum, Autos in China für China zu entwickeln", heißt es. Zum anderen sollen bis 2008 rund 5,3 Mrd. Euro in den Ausbau der Werke und Kooperationen in China investiert werden. Bei FAW-Volkswagen im Norden Chinas werden die Modelle Golf, Bora und Jetta, der Audi A6 und A4 gebaut. Bei Shanghai Volkswagen (SVW) werden der Passat, der Santana, der Santana Variant, der Santana 3000, der Touran, Polo und Golf gebaut.
Nach zehnjährigem Boom ist der Goldrausch bald zu Ende
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