| Der Kredithandel boomt
Von Rita Syre
Durch den Handel mit faulen Unternehmenskrediten gewinnt die angelsächsische
Restrukturierungskultur in Deutschland an Einfluss. Immer mehr Investoren
wittern lukrative Geschäfte, und immer mehr Banken stoßen ihre Kredite ab.
Dabei geraten nicht mehr nur schwache Firmen ins Visier der Investoren.
Frankfurt am Main - Die Deutsche Bank gehört zu den führenden Playern im Handel mit
Firmenkrediten in Europa. Sie verkauft nicht nur Kredite wie andere deutsche Geldinstitute und entlastet damit ihre Bilanz. Hier zu Lande ist sie als einziges Institut auch als Käufer von Krediten unterwegs.
"Das ist ein Wachstumsmarkt", sagt Heike Munro, Managing Director der Deutschen Bank, und wundert sich, dass noch keine andere deutsche Bank in das Geschäft eingestiegen ist. Das aber werde sich voraussichtlich ändern. Auch die Mitbewerber überlegten derzeit, ebenfalls einen Bereich für problematische und gefährdete Kredite (Distressed Debt) aufzubauen.
Seit 2004 arbeitet Munro von London aus für die Distressed Products Group der Deutschen Bank. Sie verantwortet die Investitionen der Gruppe in Deutschland. Nach ihrer Einschätzung erreiche das Transaktionsvolumen dieser Kredite in Europa derzeit rund 30 Milliarden Euro und hat sich damit binnen drei Jahren verzehnfacht. Die Deutsche Bank selbst hat in dieser Zeit ihr Volumen von elf Milliarden auf 16 Milliarden Euro hochgeschraubt.
Der deutsche Markt steht bei diesem Geschäft im Mittelpunkt des Interesses der
Investoren. Bei deutschen Geldinstituten sollen schätzungsweise kritische Kredite von etwa 300 Milliarden Euro schlummern. "Damit hat sich Deutschland zum wichtigsten Teilmarkt in der Europäischen Union entwickelt", sagt Ulrich Wlecke, Geschäftsführer der auf Restrukturierung spezialisierten Gesellschaft AlixPartners. Und die Aussichten für diesen Markt seien gut. Insbesondere wenn die Konjunktur wieder anspringe, steige die Insolvenzgefahr, berichtet der Alix-Insolvenzrechtsexperte Stephen J. Taylor aus seiner jahrelangen Erfahrung.
Immer neue Branchen im Fokus
Doch nicht nur das Auf und Ab der Konjunkturzyklen eröffnet den Kredithändlern Chancen. Die Globalisierung und der damit zunehmende Konkurrenzdruck fordern ebenfalls ihren Tribut. Der steigende Preisdruck und die vorhandenen Überkapazitäten drückten vor allem die Margen bei Automobilherstellern und -zulieferern, aber ebenso in der Bauwirtschaft, bei Fluggesellschaften und im Einzelhandel. "Diese Branchen stehen bei dem Distressed-Debt-Geschäft im Fokus", sagt Munro.
Allerdings rückten auch scheinbar defensive Sektoren wie das Gesundheitswesen,
Supermärkte und Immobilien immer mehr in das Blickfeld der Investoren. Das Geschäft
biete der Deutschen Bank eine hohe Rendite, sei aber etwas niedriger als jene 15 bis 20
Prozent, die Private-Equity-Fonds erreichen könnten.
Doch der Druck auf die Renditen steige. Denn immer mehr Finanzinvestoren wie
Hedgefonds, Private-Equity-Fonds und Investmentbanken würden in das Geschäft
hineinstoßen und aggressiv für die Kredite bieten. Munro schließt deshalb sogar negative Renditen nicht aus.
Der Markt gewinnt an Breite und die Marktteilnehmer gewinnen zugleich immer mehr
Macht über die Unternehmen. "Der zunehmende Einfluss des Distressed-Debt-Marktes
führt zu einer angelsächsisch geprägten Restrukturierungskultur", sagt Sanierungsexperte Wlecke.
Und plötzlich neue Gläubiger ...
Unternehmen in einer Krise sähen sich immer häufiger durch den Verkauf der Kredite von Banken an Finanzinvestoren plötzlich anderen Gläubigern gegenüber gestellt, erläutert der Alix-Geschäftsführer. Diese Erfahrung machte nicht nur KarstadtQuelle , sondern ebenso der Strumpfhersteller Kunert, der Filmkonzern Senator Entertainment , die Beteiligungsgesellschaft Augusta oder der Puppenhersteller Zapf.
Noch konzentrieren sie sich auf insolvenzgefährdete Unternehmen, doch AlixPartners ruft bereits den nächsten Trend aus: Auch bei gesunden Gesellschaften, die nach Ansicht der Experten Potenzial für höhere Renditen haben, würden über den Kauf von Krediten aus dem Besitz der Banken verstärkt neue Investoren einsteigen.
Munro von der Deutschen Bank räumt ein, dass auch der Kauf von Krediten zu deutlich
über 90 Prozent des Nennwerts kein Problem darstelle. Andererseits: Je höher die
Insolvenzgefahr sei, umso niedriger sei der Preis, zu denen ein Kredit gekauft werde. Bei akuter Insolvenzgefahr würden dann weniger als 10 Prozent des Nennwerts gezahlt.
Die Unsicherheit wächst
Die Unsicherheit über die Verkaufsbereitschaft von Krediten durch die Gläubiger wächst,
auch für gesunde Unternehmen. Denn seit mehreren Jahren schon platzieren Banken in
den Kreditverträgen Klauseln, die einen Verkauf der Kredite ermöglichen. Selbst wenn
diese Klauseln nicht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen enthalten seien, sagt
Wlecke, gebe es legale Wege, trotzdem den Weg für einen Verkauf frei zu machen. Dass am Ende des Verkaufs von Krediten immer häufiger der Eigentümerwechsel steht, zeigt das Beispiel des Beinbekleidungsherstellers Kunert.
Kalte Enteignung oder Segenstat?
Die Commerzbank hatte für den Familieneigentümer während der Sanierung überraschend ein Kreditpaket an die Deutsche Bank verkauft. Andere Gläubiger folgten. Durch den Erwerb der Kredite gelang der Deutschen Bank, den Hedgefonds Eco und Trafalgar sowie dem Private-Equity-Fonds Knightsbridge der Einstieg in das Unternehmen. Nachdem die neuen Investoren die Schulden in Firmenanteile umgewandelt und frisches Kapital zugeschossen hatten, besaßen sie die Mehrheit an Kunert. Der Anteil des früheren Großaktionärs, der Familie Kunert, schwand von 40 auf etwa 9 Prozent.
Munro und Wlecke sind bemüht, die Vorteile des Kredithandels herauszustellen. Auf Kunert hätten die Insolvenzverwalter bereits ein interessiertes Auge geworfen, sagt Detlev Schauwecker, der von Alix eingesetzte Finanzvorstand. Doch durch den von den neuen Eigentümern gefahrenen harten Restrukturierungskurs - unter anderem werden 500 der 1600 Mitarbeiter entlassen - könne das Unternehmen spätestens im nächsten Jahr wieder ein deutlich positives operatives Ergebnis ausweisen.
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