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Experten
befürchten: „Goldrausch“ in China bald vorbei
Zunehmende Überkapazitäten und der sich
verschärfende Preiskrieg bedrohen die Margen und lassen Konsolidierung
der Automobilindustrie in China erwarten / Ab 2006 drohen Automobilherstellern
erste Verluste / Export aus China wird zunehmen
München,
15. Juni 2004: Nach über einem Jahrzehnt boomender Nachfrage
in China erwarten die Turnaround-Experten von AlixPartners ein baldiges
Ende des „Goldrausches“. Angesichts zunehmender Inflation,
zahlreicher fauler Kredite und einer möglichen Aufwertung des
Yuan befürchten sie eine harte Landung für die chinesische
Wirtschaft. Das betrifft auch die dort ansässige Automobilindustrie:
Zunehmende Überkapazitäten – bis zu 100 Prozent
in 2005 – und heftige Preiskämpfe bedrohten die noch
üppigen Gewinnmargen von 9-10 Prozent. In 2004 und 2005 würden
die Preise für Neuwagen weiter um 6-10 Prozent jährlich
sinken, während die Lohnkosten an Standorten wie Schanghai
im Schnitt um 10 Prozent p.a. stiegen. Zudem zwängen rigide
Local-Content-Vorschriften die Automobilhersteller, überteuerte
Zuliefererteile aus staatlichen Werken zu beziehen. Im Ergebnis
drohten schon ab 2006 Verluste bei den Automobilherstellern (OEMs)
und ein tief greifender Konsolidierungsprozess: Von heute 106 Automobilherstellern
würden bis zum Ende des Jahrzehnts nur 10 bis 15 Anbieter übrig
bleiben.
Ende des „Goldrausches” nach einer Dekade des
Booms?
Seit Anfang der 90er Jahre boomt der chinesische Automarkt: Zweistellige
Wachstumsraten infolge hoher Nachfrage (nur einer von 500 Einwohnern
hat ein Auto), niedrige Lohnkosten (im Schnitt 3-8 Prozent des EU-
bzw. US-Niveaus) und eine moderate Regulierungspolitik im Zuge von
Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2002 führten
zu einem regelrechten Massenansturm von Automobilherstellern und
Zulieferern in China. Nicht zuletzt befeuert wurde der „Goldrausch”
durch die zu erzielenden Gewinne: Im Jahr 2003 verzeichneten Automobilhersteller
in China Margen von durchschnittlich etwa 10 Prozent, während
die Gewinnspanne in Nordamerika lediglich bei 1,5-2,5 Prozent lag.
Die Automobilzulieferer kamen im Schnitt sogar auf Gewinnmargen
von 12,5 Prozent, während sich nordamerikanische Hersteller
nach Berechnungen von AlixPartners mit 0,5 Prozent (Zahlen für
2002) zufrieden geben mussten.
Überkapazitäten und rasanter Preisverfall
Inzwischen mehren sich Anzeichen einer überhitzten Wirtschaft:
Im Frühjahr 2004 verhängte die chinesische Regierung für
kurze Zeit einen Kreditstopp, nicht zuletzt vor dem Hintergrund
einer immer größer werdenden Zahl fauler Kredite. Zunehmend
inflationäre Tendenzen und die drohende Aufwertung des Yuan
dürften sich negativ auf die Nachfrage auswirken. Vor allem
aber drohten massive Überkapazitäten in der Automobilindustrie:
„Schon heute werden in China mit über 4 Mio. Pkws rund
zwei Millionen Autos mehr produziert als nachgefragt”, so
Roman Zeller, Deutschland-Chef von AlixPartners. „Schließlich
kann sich nur jeder fünfhundertste Chinese heute überhaupt
einen Privatwagen leisten.“ Das entspricht bereits jetzt einer
Überkapazität von mehr als 75 Prozent – Tendenz
steigend. Im Jahr 2005 müsse die Industrie mit einer Überkapazität
von 100 Prozent rechnen, die bis 2010 nur allmählich abgebaut
werden könne. Erst danach sei mit einer Angleichung von Nachfrage
und Angebot zu rechnen.
Eine Folge dieses massiven Überangebots ist ein enormer Preisverfall.
Noch lägen die Automobilpreise zwar um 10 bis 15 Prozent über
dem internationalen Niveau, doch schon Ende 2005 dürften sie
unter deutsches Niveau fallen. „Seit dem Jahr 2002 registrieren
wir einen Rückgang der Preise von jährlich 7 bis 9 Prozent“,
so Vinzenz Schwegmann, Automobilexperte von AlixPartners. Zahlreiche
Modelle – beispielsweise der Honda Accord 2.L oder der GM
Buick Sail 1.6 L SLX – hätten zum Jahreswechsel 10 Prozent
abgegeben. Für die kommenden zwei Jahre rechnen die Experten
von AlixPartners mit einem weitern Preisverfall von 6-10 Prozent
p.a.
Drohende Verluste ab 2006 und tief greifende Konsolidierung
Durch den zunehmenden Preisverfall drohten einigen Herstellern sogar
schon ab 2006 Verluste, denn gleichzeitig stiegen die Lohnkosten
(etwa 10 Prozent jährlich, z.B. in Schanghai), und die Materialkosten
(vor allem für Stahl) blieben hoch. Eine zusätzliche Belastung
sei die staatliche Automobilzuliefererindustrie: Infolge ineffizienter
Produktionsmethoden und -strukturen lägen die Preise –
bei bestenfalls mäßiger Qualität – um etwa
ein Drittel über dem internationalen Niveau, indes käme
angesichts rigider Local-Content-Vorschriften und zusätzlich
„inoffiziellem Druck“ kein Automobilhersteller an ihr
vorbei.
„Das führt zu einem Wettlauf bei der Kostensenkung, der
nicht von allen Herstellern gewonnen werden kann”, so Zeller.
Es drohe ein tief greifender Konsolidierungsprozess mit zahlreichen
Insolvenzen. Das Ergebnis des allgemeinen „Shakeouts”
sei indes unsicher: Zwar stünden die ausländischen Hersteller
und Zulieferer aus ökonomischer Sicht weitaus besser da als
ihre inländischen Wettbewerber, aber wettbewerbsverzerrende
Maßnahmen der Regierung seien vorprogrammiert. Mancher Staatsbetrieb
könnte künstlich am Leben erhalten werden. Insgesamt erwarten
die Experten von AlixPartners, dass von derzeit 106 Herstellern
in China am Ende des Jahrzehnts nur 10 bis 15 Player übrigbleiben.
Möglicher Ausweg: China als Exportstandort
Ungeachtet der sich verschärfenden Bedingungen bleibe China
ein hochattraktiver Markt, betonen Schwegmann und Zeller. Wer sich
hier engagiere, sollte indes schon im Vorfeld eine genaue Kostenanalyse
durchführen und dabei aktuelle und optimierte Werte im Heimatmarkt
und vor Ort vergleichen. Während Automobilhersteller gezwungen
seien, mit Joint Venture-Partnern zusammenzuarbeiten, gelte dies
nicht für Zulieferer: „Man kann in China auch ohne Partner
Erfolg haben, wenn man schrittweise vorgeht und sich vor Ort von
den richtigen ‚Door Openern’ beraten lässt”,
so Schwegmann. Dabei gälte es zudem, sich systematisch die
besten Lieferanten heranzuziehen und jeden Prozess – von der
Produktentwicklung bis zur Auslieferung – so optimiert aufzusetzen,
als sei das Werk im eigenen (Hochlohn-)Land.
Unter diesen Voraussetzungen erreichten die in China gefertigten
Produkte internationale Qualitätsstandards zum günstigen
Preis. „Damit wird China zum Ausgangspunkt für Exporte
in die benachbarten Regionen – und noch erzielen aus China
exportierte Zulieferteile internationales Preisniveau“, so
Schwegmann. Selbst unter höchst konservativen Annahmen einer
niedrigeren Produktivität und vergleichsweise hoher Materialkosten
würde sich die Fertigung in China lohnen. Dies gelte vor allem
für Zulieferer ohne Local-Content-Verpflichtungen. Hinzu kämen
beachtliche Exportsubventionen, die der chinesische Staat zahle.
„Wer es richtig anstellt, für den kann China noch immer
eine Goldgrube sein.”
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