Veit Buetterlin-Goldberg
Frankfurt
Die Frage, ob KI-Disruptoren wie Anthropic oder OpenAI die Geschäftsmodelle deutscher DAX-Konzerne bedrohen, wird oft falsch gestellt. Die Gefahr ist nicht, dass ein KI-Start-up morgen bessere Autos baut, sicherere Chemieanlagen betreibt oder effizientere Logistikketten managt. Die Gefahr ist subtiler – und sie zielt direkt ins Herz der deutschen Wertschöpfung: auf das Expertenwissen.
In den Vorstandsetagen der DAX-Konzerne ist das Thema längst angekommen. Budgets werden freigegeben, „AI Taskforces“ gegründet und Pilotprojekte gestartet. Die Aktivität ist hoch. Doch bei genauerer Analyse zeigt sich ein gefährliches Muster: Der absolute Großteil dieser Initiativen zielt auf Effizienzsteigerung im bestehenden System. Wir nutzen KI, um Berichte schneller zu schreiben, Code günstiger zu produzieren oder den Kundenservice zu automatisieren.
Das ist wirtschaftlich sinnvoll, aber strategisch gefährlich. Denn wer KI nur nutzt, um das „Alte“ billiger zu machen, läuft in eine Falle.
1. Die Gefahr der „Hollow Company“ (Entkernung)
Deutschland lebt vom Premium-Anspruch des „German Engineering“. Dieses Premium basierte jahrzehntelang auf exklusivem, schwer kopierbarem Wissen in den Köpfen von Ingenieuren, Chemikern und Planern. Generative KI macht genau dieses explizite Wissen zunehmend zu einem allgemein verfügbaren Gut. Wenn KI-Modelle in wenigen Sekunden komplexe Vertragsrisiken bewerten, Software-Architekturen entwerfen oder Molekül-Strukturen simulieren können, verliert der Faktor „Mensch“ sein Preis-Premium.
Das Risiko für den DAX ist das Szenario der „Hollow Company“:
2. Das Effizienz-Dilemma
Aktuell sehen wir, dass viele Konzerne KI als „Super-Praktikanten“ einsetzen: Sie soll helfen, Kosten zu sparen. Das Problem: KI-native Disruptoren nutzen die Technologie nicht zum Sparen, sondern um neue Geschäftsmodelle zu bauen.
Während ein etablierter Maschinenbauer KI nutzt, um seine Wartungsintervalle um 10 % zu optimieren, arbeitet der Angreifer daran, Wartung durch ein völlig neues, KI-gesteuertes „Manufacturing-as-a-Service“-Modell als Risikofaktor komplett zu eliminieren.
3. Der schlafende Riese: Warum der DAX im Vorteil ist
Doch das Spiel ist für die deutsche Industrie nicht verloren. Im Gegenteil: Die Karten für die nächste Phase der KI-Revolution („Vertical AI“) sind in Deutschland besser gemischt als im Silicon Valley. Die großen Sprachmodelle (LLMs) sind Generalisten. Was ihnen fehlt, ist das tiefe Domänenwissen und der Kontext, den nur die etablierten Industrie-Player besitzen:
Das ist der wahre „Burggraben“. Wenn DAX-Konzerne ihre proprietären Daten nutzen, um eigene, spezialisierte KI-Lösungen zu trainieren, werden sie unschlagbar.
4. Fazit: Vom Anwender zum Gestalter
Die DAX-Konzerne stehen an einem Scheideweg.
Es geht jetzt darum, die eigenen Daten schnell genug zu nutzen. Die Technologie ist da, das Kapital ist da. Jetzt braucht es den Mut, das Geschäftsmodell nicht nur zu optimieren, sondern zu erweitern.