AlixPartners Aerospace & Defense Outlook 2026: Rekord-Nachfrage trifft auf Kapazitätsengpässe – Luftfahrt und Verteidigung konkurrieren um dieselbe Lieferkette
- 16.745 Flugzeugbestellungen – historischer Rekord. Doch wer heute ordert, fliegt erst Ende der 2030er Jahre.
- Älteste Flotte der Luftfahrtgeschichte mit einem Durchschnittsalter von mehr als 15 Jahren.
- Iran-Konflikt halbiert Airline-Gewinne auf 23 Milliarden US-Dollar – europäische Carrier deutlich besser abgesichert als amerikanische.
- Triebwerkshersteller und Leasinggeber kontrollieren 85 % des Branchengewinns – Flugzeugbauer bei 1,5 % Marge, Strukturbau im fünften Verlustjahr.
- Europäische Verteidigungsausgaben seit 2020 um mehr als 70 % gestiegen – Rekord-Auftragsbücher verschärfen den Wettbewerb um knappe Zuliefererkapazitäten.
MÜNCHEN, 17. JULI 2026 – Abstürze der Boeing 737 MAX, COVID, Ukraine, Zölle, Iran-Konflikt – die globale Luftfahrtindustrie hat seit 2019 eine beispiellose Serie von Schocks absorbiert. Trotzdem sind die Auftragsbücher so voll wie nie. Mit 16.745 Verkehrsflugzeugen im Backlog und einem geschätzten Bestellwert von über einer Billion US-Dollar signalisiert der Markt ungebrochene Nachfrage. Airbus hält 54 % der offenen Bestellungen, Boeing 40 %. Gleichzeitig verhindern Triebwerksprobleme, Lieferkettenengpässe und geopolitische Verwerfungen den industriellen Hochlauf – verstärkt durch die Konkurrenz zwischen ziviler und militärischer Nachfrage um häufig dieselben knappen Kapazitäten. Und das, während sich die Industrie zugleich auf die nächste Flugzeuggeneration vorbereiten muss. Um dieses Dilemma zu lösen, setzt die Industrie zunehmend auf neue Ansätze: strengere Qualitätsdisziplin, veränderte Risikoverteilung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Fertigung und Wartung. Das sind zentrale Ergebnisse des „Aerospace & Defense Outlook 2026“ der globalen Unternehmensberatung AlixPartners.
Dr. Stefan Ohl, Global Co-Leader Aerospace, Defense & Aviation bei AlixPartners: „Qualität und pünktliche Lieferung sind unverzichtbar, und die Neugestaltung der gesamten Lieferkette hin zu mehr Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit ist ein Muss. Gleichzeitig bleibt das Servicegeschäft der Gewinnmotor der Industrie. KI-gestützte Werkzeuge werden dabei zum nächsten Hebel, um die gesamte Wertschöpfungskette zu transformieren.“
Triebwerkskrise und alternde Flotten
Die Auslieferungen neuer Flugzeuge liegen weiterhin unter dem Bedarf. Bei Großraumflugzeugen werden erst rund 65 % des Vor-COVID-Niveaus erreicht. Besonders schwer wiegt die Krise bei den Triebwerken der neuen Generation. Die technischen Probleme bei GTF kosten die Fluggesellschaften nach Berechnungen von AlixPartners mehr als 40 Milliarden US-Dollar – durch Zwangspausen am Boden, Kompensationen und verlängerte Nutzungsdauer der Flugzeugflotte. Im zweiten Quartal 2026 waren 26 % aller GTF-betriebenen A320neo am Boden (527 von 2.043 Maschinen). Insgesamt standen rund 9 % der weltweiten Passagierflotte still. Die Folge: Das Durchschnittsalter der globalen Passagierflotte hat mit 15,1 Jahren (Stand Ende 2025) den höchsten Wert der Luftfahrtgeschichte erreicht. Die Ausmusterungsrate liegt mit 1,1 % nahe einem
Rekordtief.
Dr. Daniel Makowski, Partner und DACH Co-Leader Aerospace, Defense & Airlines bei AlixPartners: „Die alternde Flotte und die Triebwerksprobleme befeuern einen beispiellosen MRO-Boom. Allein bei den Triebwerken der neuen Generation werden sich die Werkstattbesuche bis 2030 mehr als verdoppeln. Die globalen MRO-Ausgaben dürften bis 2035 auf 196 Milliarden US-Dollar steigen.“
Iran-Konflikt: Kerosinpreise über 200 Dollar, Airline-Gewinne halbiert
Der seit Februar 2026 eskalierende Iran-Konflikt hat die ohnehin angespannte Lage verschärft. Im April und Mai 2026 überstiegen die Kerosinkosten (Rohöl plus Raffineriemarge) erstmals die Marke von 200 US-Dollar pro Barrel. Die IATA hat ihre Gewinnprognose für 2026 von rund 45 auf 23 Milliarden US-Dollar nahezu halbiert. Während europäische Airlines ihren Kerosinbedarf für 2026 weitgehend abgesichert haben, sind US-amerikanische Fluggesellschaften nahezu vollständig ungehedgt.
Europäische Airlines: Rekordumsätze, aber wachsender Druck
Trotz der Belastungen liegen die großen europäischen Airlines 2025 beim Umsatz klar über dem Niveau von 2019. Gleichzeitig beschleunigt sich die Konsolidierung: In den USA kontrollieren vier Airlines bereits 80 % der Inlandskapazität, in Europa braucht es neun Carrier für denselben Anteil. Die laufende TAP-Privatisierung, die jüngste Übernahme von SAS durch Air France-KLM und der Übernahmepoker um easyJet unterstreichen die Dynamik.
Dr. Daniel Makowski: „Europas Airline-Landschaft steht vor einer Konsolidierungswelle. Die Kombination aus hohen Treibstoffkosten, Flottenproblemen und ungleichen Bilanzen wird kleinere und hochverschuldete Carrier unter Druck setzen. Mehrere große europäische Netzwerk-Carrier fahren bereits Kapazität und Kosten zurück.“
Verteidigung als zusätzlicher Kapazitätstreiber
Die globalen Verteidigungsausgaben erreichten 2025 mit 2,8 Billionen US-Dollar ein neues Allzeithoch. Besonders dynamisch: Europa, wo die Ausgaben (ohne Russland) seit 2020 um 71 % gestiegen sind, mit Deutschland als größtem Wachstumstreiber. Die europäische Rüstungsindustrie verfügt über rund 25 Unternehmen mit mehr als einer Milliarde Euro Verteidigungsumsatz und über Rekord-Auftragsbücher, die fünf bis zehn Jahre Produktionssichtbarkeit bieten. Dagegen bremsen fragmentierte Zulieferer, knappe Fertigungskapazitäten bei Munition, Elektronik und Raketenkomponenten sowie Fachkräftemangel den Hochlauf und binden Kapazitäten, die auch die zivile Luftfahrt dringend benötigt.
Dr. Stefan Ohl: „Die europäische Aufrüstung ist ein struktureller Investitionsimpuls über Jahrzehnte. Die industrielle Herausforderung besteht darin, dass zivile und militärische Hochläufe häufig auf dieselbe Zuliefererbasis zugreifen. Wer hier Kapazitäten aufbaut und Lieferketten absichert, positioniert sich für beide Märkte.“
Künstliche Intelligenz als Hebel für den Hochlauf
Um Produktionseffizienzen zu realisieren und die Auslieferungen zu steigern, setzen Unternehmen in der Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsindustrie zunehmend auf konkrete KI-Anwendungen. Die Einsatzfelder reichen vom Engineering, wo generatives Design die Entwicklungszyklen verkürzt, über die Fertigung, in der automatische Fehlererkennung und digitale Zwillinge die Produktionsqualität verbessern und die Planbarkeit in der Produktion erhöhen, bis hin zur Lieferkette, wo KI Nachfrageprognosen präzisiert und die Materialverfügbarkeit erhöht. Im MRO-Bereich ermöglichen prädiktive Wartungsmodelle kürzere Standzeiten.
Dr. Daniel Makowski: „KI durchdringt inzwischen die gesamte Wertschöpfungskette der Luftfahrt – vom generativen Design über die intelligente Fertigung bis zur Vorausschau in der Lieferkette. Der Übergang von generativer zu agentenbasierter KI wird Abläufe und Wettbewerbspositionen entlang der gesamten Kette verändern. Vertrauen, Nachvollziehbarkeit und menschliche Kontrolle müssen aber zentrale Gestaltungsprinzipien bleiben, gerade wenn KI in sicherheitskritische und verteidigungsnahe Systeme Einzug hält.“
Profit Pool: Wer das Service-Ökosystem kontrolliert, verdient das Geld
Die AlixPartners-Analyse des globalen Profit-Pools in der zivilen Luftfahrt (insgesamt rund 38 Milliarden US-Dollar, +19 % gegenüber Vorjahr) zeigt eine extreme Konzentration. Triebwerkshersteller sicherten sich 47 % des gesamten Branchengewinns bei einer Rekordmarge von rund 20 %. Flugzeug-Leasinggeber vereinten 38 % auf sich, bei EBT-Margen von über 25 %. Gemeinsam kontrollieren diese beiden Segmente 85 % aller Branchengewinne. Dagegen operieren Flugzeughersteller (OEMs) mit rund 1,5 % EBIT nahe der Gewinnschwelle. Der Strukturbau (Aerostructures) bleibt defizitär. Im Vergleich dazu erzielen Zulieferer für Materialien und Schlüsselkomponenten sehr hohe Margen und profitieren von der anhaltenden Material- und Kapazitätsknappheit entlang der Lieferkette.
Dr. Stefan Ohl: „Die Gewinnverteilung in der Luftfahrt ist kein Zufall – sie spiegelt wider, wer vor zehn oder fünfzehn Jahren bereit war, signifikante Investitionen auf eine ungewisse technologische Wette zu setzen. Die Triebwerkshersteller haben dieses Risiko getragen und ernten jetzt die Rendite über ihr Service-Ökosystem. Für den Rest der Wertschöpfungskette – insbesondere den Strukturbau mit fünf Verlustjahren in Folge – zeigt die Analyse unmissverständlich: Das bisherige Risikoteilungsmodell hat nicht funktioniert. Die nächste Generation von Kurz- und Mittelstreckenflugzeugen ist eine historische Chance, die Spielregeln grundlegend neu zu verhandeln.“
Über die Studie
Der „AlixPartners Aerospace & Defense Outlook“ wird jährlich veröffentlicht und basiert auf einer detaillierten finanziellen und operativen Analyse der weltweit 80 führenden Unternehmen der Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie. Die Studie untersucht die Profitabilitätsströme entlang der gesamten Wertschöpfungskette, analysiert globale Flottendaten und modelliert langfristige Markt- und Kapazitätsentwicklungen.
Über AlixPartners
Expertise, Umsetzungsstärke, Verantwortung – AlixPartners steht für messbare Ergebnisse „when it really matters“. Als global agierende Unternehmensberatung helfen wir unseren Klienten dabei, schnell und entschlossen auf ihre wichtigsten Herausforderungen zu reagieren. Unsere erfahrenen Beraterinnen und Berater sind spezialisiert darauf, Unternehmenswerte zu schaffen, zu schützen und wiederherzustellen. Vom „manager magazin“ und der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management & Beratung (WGMB) wurde AlixPartners 2025 erneut für seine Umsetzungsstärke ausgezeichnet. Seit über 40 Jahren unterstützen rund 3.500 MitarbeiterInnen in 27 Büros weltweit die Klienten von AlixPartners.
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