Cyberrisiken verdrängen Klimaschutz: AlixPartners-Studie zeigt gefährliche Kontrolllücken bei europäischen Banken
- Cybersecurity erstmals auf Platz 1 der CRO-Agenda: Anteil der Nennungen verdoppelt sich von 34 % auf 70 %.
- Klima und ESG fallen vollständig aus den Top-5-Prioritäten, während der regulatorische Druck der Aufsicht auf diesen Themen unverändert hoch bleibt.
- Geopolitische Disruptionen werden als Thema erkannt, aber unzureichend behandelt.
- Nur noch 20 % der CROs planen 2026 Stellenaufbau. KI soll die Lücke schließen. Der Reifegrad der KI-Integration liegt jedoch bei durchschnittlich 3,6 von 10 Punkten.
MÜNCHEN, 14. JULI 2026 – Die Risikolandschaft im europäischen Finanzsektor befindet sich in einem fundamentalen Umbruch. Cyberangriffe, operative Resilienz und KI-Risiken dominieren erstmals geschlossen die Agenda der Chief Risk Officers (CROs), während Klimarisiken und ESG-Themen vollständig aus den Top-5-Prioritäten verschwunden sind. Gleichzeitig zeigt sich eine geringe Bereitschaft zum Personalaufbau in den Risikofunktionen, und das in einer Zeit, in der die regulatorischen Anforderungen die Institute unter akuten Umsetzungsdruck setzen. Das zeigt die aktuelle „CRO Survey 2026“ der globalen Unternehmensberatung AlixPartners, für die Risikoverantwortliche führender europäischer Finanzinstitute befragt wurden.
Cyber verdrängt Klima: Ein riskantes regulatorisches Paradoxon
Cybersecurity hat sich mit einem Anteil von 70 % der Nennungen zum mit Abstand wichtigsten Risikothema entwickelt. Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 34 % – die größte Veränderung im Vergleich zum Vorjahr. Es folgen operative Resilienz (65 %) und Modell- bzw. KI-Risiken (60 %).
Klimarisiken hingegen werden von keinem einzigen befragten CRO mehr unter den Top-5-Prioritäten genannt. AlixPartners warnt davor, diese De-Priorisierung als Entwarnung zu verstehen. Während die Banken das Thema aufgrund akuterer operativer Krisen zurückstellen, fordern die Aufsichtsbehörden weiterhin die konsequente Integration von Klimarisiken in die klassischen Kredit- und Marktrisikotaxonomien.
„Die Verschiebung zeigt, dass die unmittelbare operative Bedrohungslage durch Cyberangriffe und die DORA-Compliance die strategische Zukunftsperspektive der CROs überlagert. Das ist aus Sicht der täglichen Praxis nachvollziehbar, regulatorisch jedoch hochgradig riskant. Wer Klimarisiken jetzt aus dem Fokus verliert, baut einen erheblichen Blind Spot auf, der in den nächsten Aufsichtsgesprächen thematisiert werden wird“, sagt Stefan Albust, Director bei AlixPartners und Co-Autor der Studie.
Geopolitische Disruptionen – als Thema erkannt, aber unzugänglich behandelt
Geopolitische Disruptionen werden von 45 % der CROs als eine der Top-5-Prioritäten des Risikomanagements betrachtet. Ebenso 45 % der CROs erwarten in den kommenden Jahren höhere Auswirkungen auf ihre Unternehmen. Jedoch: Eine systematische Auseinandersetzung mit geopolitischen Risiken findet nur begrenzt statt. Die Behandlung ist derzeit vor allem qualitativ. 60 % der befragten Institute berücksichtigen Geopolitik aktuell qualitativ oder in ad-hoc-Situationen; nur 25 % führen eine formale quantitative Bewertung durch.
„Geopolitische Risiken müssen mit denselben quantitativen Methoden bewertet werden wie alle anderen wesentlichen Risikofelder. Unternehmen benötigen zudem vorbereitete Handlungspläne und Stresstests für ihr Geschäftsmodell, um auf relevante geopolitische Szenarien vorbereitet zu sein. Nur so können sie ihr Geschäftsmodell anpassen, wenn geopolitische Risiken immer schneller und mit größerer Wucht eintreten“, sagt Dr. Stefan Duderstadt, PMD bei AlixPartners.
Drittanbieter/ Servicedienstleister und DORA: Hohe Intransparenz bei Dienstleistern
Ein kritischer Schwachpunkt bleibt die Steuerung von Drittanbietern. Rund 30 % der befragten CROs geben an, keine oder nur sehr eingeschränkte Transparenz über das tatsächliche Disaster-Recovery-Verhalten ihrer kritischen Dienstleister wie Cloud-Anbieter zu haben. Unter dem seit Januar 2025 voll wirksamen DORA-Regime ist diese Intransparenz ein direktes Compliance-Risiko. Zudem plant fast die Hälfte der an der Studie teilnehmenden Institute, ihre Auslagerungs- und Dienstleister-Strukturen in den kommenden zwölf Monaten grundlegend umzubauen.
„In der DACH-Region sehen wir in der Beratungspraxis, dass viele Institute die DORA-Anforderungen operativ noch nicht voll umgesetzt haben. Insbesondere die lückenlose Überwachung der häufig stark verzweigten Drittanbieter-Strukturen stellt die historisch gewachsenen IT-Landschaften deutscher Banken vor erhebliche Herausforderungen“, betont Dr. Veit Buetterlin-Goldberg, Deutschlandchef von AlixPartners.
Stagnierende Teamgrößen treffen auf niedrige KI-Reife
Der Personalaufbau in den Risikofunktionen verzeichnet einen starken Wandel im Vergleich zum letzten Jahr: Nur noch 20 % der CROs planen für 2026 einen Stellenaufbau – im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 40 %. Um die wachsende Aufgabenlast bei stagnierenden oder sogar abnehmenden Teamgrößen zu bewältigen, setzen die Institute verstärkt auf Automatisierung und Künstliche Intelligenz.
Hier zeigt die Studie jedoch eine erhebliche Lücke: Die CROs bewerten den KI-Reifegrad ihrer eigenen Risikofunktionen im Durchschnitt mit lediglich 3,6 von 10 Punkten. Noch gravierender ist der Befund zur Ertragsmessung: Mit 3,1 von 10 Punkten – dem niedrigsten Ergebnis der gesamten Erhebung – können die wenigsten Risikoverantwortlichen den finanziellen Nutzen ihrer KI-Investitionen konkret beziffern.
Gleichzeitig spielt das Risikomanagement bei der rasanten KI-Einführung in den operativen Geschäftsbereichen eine noch untergeordnete Rolle: Mehr als jeder dritte CRO (35 %) gibt an, bei strategischen Entscheidungen zu KI, digitalen Assets oder neuen Produkten gar nicht, nur ad-hoc oder erst in einer sehr späten Phase eingebunden zu werden.
„Wenn Banken im operativen Geschäft KI-Anwendungen im Rekordtempo einführen, während die Risikofunktion technologisch hinterherhinkt und zudem bei strategischen IT-Entscheidungen außen vorgelassen wird, entsteht eine gefährliche Kontrolllücke. CROs benötigen eine zwingende, formelle Einbindung bei allen strategischen Technologie- und KI-Initiativen ab Tag 1“, fordert Stefan Albust.
Über die Studie
Die Studie basiert auf strukturierten Interviews mit RisikovorständInnen führender Banken in der DACH-Region sowie Großbritannien. Die Gruppe umfasst bedeutende Finanzinstitute, sowie Spezialinstitute, international tätige Privatbanken und innovative digitale Finanzdienstleister. Die Analyse beleuchtet strategische Prioritäten, strukturelle Entwicklungen und technologische Entwicklungen in der Risikofunktion von Finanzinstituten. Autoren der Studie sind Dr. Veit Buetterlin-Goldberg, Dr. Stefan Duderstadt, und Stefan Albust.
Über AlixPartners
Expertise, Umsetzungsstärke, Verantwortung – AlixPartners steht für messbare Ergebnisse „when it really matters“. Als global agierende Unternehmensberatung helfen wir unseren Klienten dabei, schnell und entschlossen auf ihre wichtigsten Herausforderungen zu reagieren. Unsere erfahrenen Beraterinnen und Berater sind spezialisiert darauf, Unternehmenswerte zu schaffen, zu schützen und wiederherzustellen. Vom „manager magazin“ und der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management & Beratung (WGMB) wurde AlixPartners 2025 erneut für seine Umsetzungsstärke und als führende deutsche Beratung im Bereich Sanierung & Restrukturierung ausgezeichnet. Seit über 40 Jahren unterstützen rund 3.500 Mitarbeitende in 27 Büros weltweit die Klienten von AlixPartners.
Pressekontakt
Corecoms Consulting
[email protected]
+49 69 8700 9787 0