Ausgangssituation

American Glass Products Group (AGP) war ein Hightech-Hersteller von Spezialglas mit rund 100 Jahren Erfahrung im Bereich Verglasung und einem globalen Kundenportfolio von etwa 650 Unternehmen. Der Hauptsitz befand sich in Gent, Belgien; zusätzlich verfügte AGP über lokale Serviceeinheiten in mehr als 20 Ländern (v.a. in Amerika und Europa). AGP beschäftigte 4.600 Mitarbeiter und erzielte einen Jahresumsatz von rund € 500 Mio.

Soliver N.V. (Soliver), eine 2018 erworbene belgische Tochtergesellschaft der AGP, war ein europäischer Hersteller von Automobilverglasungen mit über 65 Jahren Erfahrung in der Produktion hochwertiger gehärteter und laminierter Verglasungen für Premiumfahrzeuge. Das Unternehmen hatte seinen Sitz in Roeselare, Belgien, beschäftigte 1.200 Mitarbeiter und erzielte € 150 Mio. Jahresumsatz.

Ab 2014 verzeichnete AGP ein starkes Wachstum. Im Jahr 2020 wurde AGP jedoch durch COVID-19-bedingte Werksstillstände sowie durch Lieferkettenstörungen infolge des Krieges in der Ukraine erheblich beeinträchtigt.

OEMs und Kreditgeber (Gesamtverschuldung ca. $ 730 Mio.) hatten bereits Unterstützung durch Accommodation- und Forbearance Agreements geleistet, vor allem in Amerika.

Zentrale Herausforderungen zu Beginn des Engagements:

Strukturell: Kontraintuitive gesellschaftsrechtliche Struktur; zahlreiche interne Verflechtungen und Abhängigkeiten; umfangreiche Eventualverbindlichkeiten

Finanziell: Engpässe in der Liquidität; Bevorstehende Fälligkeiten; Bedarf an weiteren Accommodation Agreements und Forbearance Agreements

Operativ: Produkte mit niedrigen Preisen, hohen Kosten und hohen Ausschussquoten; strukturelle Kostennachteile; Produktionsprobleme: Verzögerungen im SOP-Ramp-up, Über- bzw. Unterkapazitäten

Unser Ansatz

Phase 1: CRO Pre-Phase

Aufragsgemäß bereiteten wir zunächst ein Chief Restructuring Officer (CRO) Engagement vor, um Transparenz hinsichtlich struktureller, finanzieller und operativer Probleme herzustellen und das Management zu stärken. Aufgrund eines nicht tragfähigen Businessplans musste das Mandat jedoch abgelehnt werden. Nachdem ein bedeutender OEM seinen Rückzug aus dem amerikanischen Markt signalisiert hatte, wurden wir beauftragt, Soliver als Kern der europäischen Aktivitäten abzusichern.

Phase 2: Optionsanalyse und Lösungskonzept

Wir führten eine Cross-Impact-Analyse durch, um die Folgen eines Zusammenbruchs der amerikanischen Aktivitäten auf das europäische Geschäft zu ermitteln.

Um die europäischen Produktionsstätten zu erhalten und die Belieferung der europäischen OEMs sicherzustellen, führten wir eine Optionsanalyse durch und entwickelten ein Konzept zur Sicherung von Soliver, wobei wir alle relevanten außergerichtlichen Restrukturierungsinstrumente und gerichtlich beaufsichtigten (Insolvenz-)Verfahren berücksichtigten, insbesondere:

Option 1: Solvente Liquidation mit parallelem M&A-Prozess
Option 2: Insolvenzverfahren mit Unterstützung der Stakeholder
Option 3: Insolvenzverfahren ohne Unterstützung der Stakeholder

Eine vergleichende quantitative und qualitative Bewertung zeigte, dass Option 2 (in Form eines Transfer of Business under Judicial Authority nach belgischem Recht) die beste Lösung war. Sie bot ein Verfahren zur Fortführung der Geschäftstätigkeit durch den Schuldner, ein Moratorium und eine realistische Chance, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten und eine große Anzahl von Arbeitsplätzen nach einem gerichtlich beaufsichtigten M&A-Auktionsverfahren zu erhalten, das auf einen Asset-Deal unter privilegierten Bedingungen abzielte.

Wir planten auch die Sequenzierung weiterer Verfahren bei den Gesellschaften der AGP-Gruppe, um Soliver vor den Auswirkungen (unkontrollierter) Insolvenzen bei verbundenen Unternehmen zu schützen.

Phase 3: Verhandlungen und Vorbereitung

Nach grundlegender Einigung über das Lösungskonzept mit dem Management, den europäischen OEMs und den vorrangig besicherten Kreditgebern moderierten wir umfassende Vereinbarungen zwischen den wesentlichen Beteiligten, um das belgische Verfahren durchzufinanzieren und Kreditsicherheiten freizugeben, Stillhaltevereinbarungen zu verlängern und einen teilweisen Verzicht auf Forderungen (Haircut) gegen Entschädigung zu erzielen.

Außerdem bereiteten wir die Ausgliederung von Soliver für die mögliche Übernahme ihrer Vermögenswerte vor.

Phase 4: Umsetzung und Monitoring

Anschließend unterstützten wir die Initiierung des belgischen Verfahrens sowie den M&A-Prozess und überwachten Produktion, Lieferungen und die Einhaltung des Budgets.

Ergebnisse

AlixPartners spielte die zentrale Rolle bei der Stabilisierung und Restrukturierung der europäischen Aktivitäten von AGP. Das Team entwickelte und implementierte eine umfassende Strategie zur Absicherung dieser Geschäftsbereiche auf Grundlage einer komplexen, multinationalen Optionsanalyse für Soliver. Dazu gehörte auch die Entwicklung eines Sequenzierungskonzepts für die formellen Verfahren in den übrigen Gesellschaften der AGP‑Gruppe, um eine geordneten Entflechtung von Soliver sicherzustellen.

Darüber hinaus unterstützte AlixPartners die Vorbereitung und Durchführung eines belgischen Transfer of Business under Judicial Authority – eines bis dahin noch nicht erprobten gerichtlichen Restrukturierungsverfahrens – mit dem Ziel, Arbeitsplätze zu erhalten und den operativen Betrieb von Soliver unter neuer Eigentümerschaft fortzuführen. Wir moderierten zudem die Verhandlungen zwischen Soliver und europäischen OEMs, um € 160 Mio. an Finanzierungsmitteln für das belgische Verfahren sicherzustellen. Durch konsequentes Cash Tracking und stringentes Kostenmanagement wurde hier eine Budgeteinsparung von € 21 Mio.erzielt.

Durch Moderation und Ausgleich größtenteils divergierender Interessen ermöglichte AlixPartners die Einigung zwischen vorrangig besicherten Kreditgebern und europäischen OEMs, um die Zustimmung der vorrangigen Kreditgeber zum belgischen Verfahren gegen eine Entschädigungszahlung in Höhe von € 70 Mio. zu erreichen.

Darüber hinaus unterstützten wir den Carve‑out von Soliver und die Vorbereitung eines potenziellen Asset Deals, während zugleich die Abwicklungen/Verkäufe von AGP-Gruppenunternehmen gesteuert wurden.

Trotz erheblicher Herausforderungen im M&A‑Prozess, bei dem der bevorzugte Bieter letztlich keine fristgerechten Nachweise zur Akquisitionsfinanzierung erbringen konnte, stellte AlixPartners die Kontinuität des Geschäftsbetriebs sicher, indem eine neunmonatige kontrollierte Ausproduktions- und Übergangsphase sichergestellt wurde. Diese Phase erlaubte den Mitarbeitern eine übergangsweise Beschäftigung und ermöglichte den europäischen OEMs, mit potenziellen Käufern zu verhandeln und alternative Lieferbeziehungen zu etablieren.

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