AlixPartners Aufsichtsrats-Radar 2026: Geopolitik in Aufsichtsräten nicht institutionell verankert
- Geopolitik ist Stammgast auf der Agenda deutscher Aufsichtsräte, wird jedoch überwiegend anlassbezogen und reaktiv diskutiet
- Geopolitische Risiken werden selten konsequent abgesichert, Prozesse für Verankerung und Kontrolle sind kaum etabliert
- Für den Umgang mit geopolitischen Risiken halten 92 Prozent rein politische Profile in Aufsichtsräten für unzureichend; 70 Prozent setzen auf krisenerfahrene Manager
MÜNCHEN, 01. Oktober 2026 – Geopolitische Risiken sind in den Aufsichtsräten der DACH-Region als strategisch relevantes Thema angekommen. Zwischen der wachsenden Aufmerksamkeit und der institutionellen Verankerung klafft jedoch eine deutliche Lücke: Zuständigkeiten, Frühwarnsysteme und belastbare Prozesse für die Übersetzung geopolitischer Entwicklungen in unternehmerische Maßnahmen fehlen in vielen Unternehmen. Das zeigt der aktuelle „AlixPartners Aufsichtsrats-Radar 2026“, für den AlixPartners rund 50 Aufsichtsräte aus Unternehmen unterschiedlicher Größen und Branchen interviewt hat.
Spätestens seit dem Ukrainekrieg steht Geopolitik fest auf der Agenda der Aufsichtsräte. 86 Prozent der Kontrollgremien stufen politische Entwicklungen als wichtiges Unternehmensrisiko ein. Trotzdem arbeiten 40 Prozent der Gremien ausschließlich reaktiv. Geopolitische Risiken werden vor allem dann diskutiert, wenn Ereignisse bereits eingetreten sind oder ihre Auswirkungen sichtbar werden.
Geopolitik bleibt damit vielfach ein Krisenmanagement-Thema statt strategisch genutzt zu werden. Das Problem liegt nach der Analyse von AlixPartners nicht im Mangel an Informationen. Vorstandsberichte und eigene Recherchen liefern reichlich Daten. Es fehlt stattdessen an Filtern und Auswertungen. Ein verlässlicher Informationsfluss mit Frühwarnsystemen, Szenarien und klaren Handlungsanweisungen für den Ernstfall ist in den wenigsten Gremien etabliert.
„Geopolitik darf für Aufsichtsräte kein Sonderthema mehr sein, das nur bei akuten Krisen auf die Agenda kommt. Ein Aufsichtsrat ist ein Frühwarnsystem – keine Feuerwehr. Informationen sind da, die Herausforderung ist, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen“, sagt Robert Wendeborn von AlixPartners.
Geopolitische Risiken werden selten konsequent abgesichert, Prozesse für Verankerung und Kontrolle sind kaum etabliert
In zwei Drittel der Unternehmen fehlt ein dedizierter Verantwortlicher für geopolitische Risiken. Nur etwa 16 Prozent der Gremien gelten insgesamt als Vorreiter: Früherkennung und Szenarienplanung sind bei diesen Gremien fest in die Governance integriert.
Die Studie zeigt auch einen Zusammenhang zwischen der Kompetenz im Gremium und der Qualität der Risikoarbeit. Nur 35 Prozent der Aufsichtsräte verfügen über eigenständige geopolitische Expertise; 65 Prozent verlassen sich in diesem Bereich auf den Vorstand. Gremien mit geopolitischer Expertise erfassen geopolitische Risiken nahezu doppelt so häufig systematisch (78 Prozent vs. 45 Prozent). Strategisch verankerte Gremien setzen zudem mehr als doppelt so viele Maßnahmen um (78 Prozent vs. 32 Prozent) – darunter Szenarioanalysen, Krisensimulationen und Notfallpläne.
„Geopolitische Risiken treffen Unternehmen heute immer schneller und mit größerer Wucht. Aufsichtsräte müssen deshalb nicht für jedes geopolitische Thema ein neues Mitglied berufen. Wichtig ist, dass das Gesamtgremium ausreichend geopolitische Expertise, Krisenerfahrung und ein klares Mandat hat“, sagt Christoph Winter von AlixPartners.
Andreas Rüter von AlixPartners nimmt die Aufsichtsräte in die Pflicht und gibt Handlungsempfehlungen: „Die Implikationen geopolitischer Ereignisse gehören auf die Aufsichtsrats-Agenda und mindestens zweimal im Jahr auf die Tagesordnung des Prüfungs- und Risikoausschusses. Neben dem Aufbau von interner Kompetenz sollten externe Quellen - Think Tanks, politiknahe Organisationen oder ehemalige Diplomaten, den Gremien wichtige Impulse von außen geben. Auch Unternehmen ohne dedizierte Lobby-Büros in Brüssel oder Berlin müssen sicherstellen, jederzeit die Lage einschätzen und im Bedarfsfall schnell reagieren zu können.“
Zur gesamten Studie AlixPartner Aufsichtsrats-Radar 2026 geht es hier.
Der AlixPartners Aufsichtsrats-Radar 2026
Der Aufsichtsrats-Radar 2026 untersucht den Umgang von Aufsichtsräten mit geopolitischen Risiken in sieben Dimensionen: die Bedeutung von Geopolitik für Unternehmen, den geopolitischen Informationsfluss, die Einbindung in das Risikoradar, geopolitische Expertise und Kompetenz im Aufsichtsrat, das Governance-Modell, die strategische Verankerung sowie konkrete Handlungsempfehlungen. Zwischen April und Juni 2026 führte AlixPartners strukturierte Tiefeninterviews mit Aufsichtsratsmitgliedern aus Unternehmen unterschiedlicher Größe und Branchen. Vertreten waren unter anderem Unternehmen aus dem DAX, MDAX, SDAX und ATX sowie börsennotierte Schweizer Unternehmen.
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